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Gesetzlicher Fondstyp
Investmentgesellschaft
TER
Rechtsform
Vertriebsland
Verwahrstelle
29.01.2020
Benchmark Verordnung: Steht Ihr Notfallplan schon?

In der Europäischen Union ist die Benchmark Verordnung (BMV) seit etwa zwei Jahren ein verbindlicher Rechtsakt. Mit Aufnahme der Verordnung in das EWR Abkommen Mitte Dezember 2019 ist die BMV auch in Liechtenstein in Kraft getreten. Sind Sie ein Akteur in der Finanzindustrie? Dann sind Sie wahrscheinlich mit umfangreichen Anpassungen konfrontiert!

Index vs. Referenzwert, dasselbe – oder?
Ein Index ist eine öffentlich zugänglich gemachte Zahl, welche regelmässig durch die Anwendung einer Formel oder Bewertung bestimmt wird. Als Grundlage dienen Basisvermögenswerte, wobei es sich nicht grundsätzlich zwingend um wirtschaftliche Daten handeln muss. Ein Referenzwert hingegen ist ein Index, welcher zur Preisfestsetzung von Finanzprodukten sowie zur Messung der Wertentwicklung von Investmentfonds dient. Dementsprechend ist jeder Referenzwert ein Index, aber nicht jeder Index ein Referenzwert.

BMV – Sind Sie Teil der Zielgruppe?

Die Einführung der BMV ist eine Reaktion der EU auf den Manipulationsskandal des LIBORs und EURIBORs im Jahr 2011. Durch den Erlass dieser Verordnung soll weitgehend sichergestellt werden, dass die Gefahr einer Manipulation von in der EU/EWR hergestellten und als Referenzwert verwendeten Indizes möglichst minimiert wird. Die Verordnung richtet sich primär an drei Adressaten: Administratoren, Kontributoren und Nutzer, die einen Index als Referenzwert anwenden.

Administratoren, wie etwa MSCI, sind verantwortlich für die Erstellung eines Referenzwertes, welcher aus transparenten und nachvollziehbaren Komponenten bestehen muss. Der Administrator ist dazu verpflichtet, Aufzeichnungen über die Methodik und die verwendeten Daten zu führen sowie diese zu veröffentlichen.

Kontributoren, wie etwa Thomson Reuters oder Bloomberg, liefern dem Administrator die notwendigen Eingabedaten für die Erstellung des Referenzwertes. Der Administrator hat für den Kontributor einen detailliert ausgearbeiteten Verhaltenskodex zu erstellen, welcher mit der BMV in Einklang stehen und vom Administrator einmal jährlich auf Einhaltung überprüft werden muss.

Nutzer, die einen Index bzw. eine Indexkombination als Referenzwert zur Berechnung einer Performance Fee, zur Erläuterung einer Anlagepolitik in einem Prospekt oder als Basis eines Zinssatzes heranziehen, sind beispielsweise Banken, Wertpapierfirmen, Versicherungen, Fonds bzw. deren Verwalter, Pensionsfonds, Kreditgeber, Administratoren oder vergleichbare Marktteilnehmer. Grundsätzlich dürfen von Nutzern nur Referenzwerte verwendet werden, die entweder von einem in der Europäischen Union registrierten Administrator bereitgestellt oder als Drittstaatenreferenzwert registriert sind. Sämtliche registrierte Drittstaatenreferenzwerte sowie Administratoren können unter diesem Link
nachgeschlagen werden.

Notfallplan: Ihre To-Do's
Gemäss Art. 28 Abs. 2 BMV ist jeder Nutzer einer Benchmark dazu aufgefordert, einen Notfallplan für die als Referenzwerte verwendeten Indizes zu erstellen. Laut ESMA ist ein Notfallplan dann robust, wenn er detaillierte Handlungsanweisungen sowie operationelle Verfahren inkludiert sowie Kommunikationskanäle für verschiedene Notfallszenarien und Eventualitäten enthält. Folgende Punkte soll der Notfallplan Ihrer Fonds inkludieren:

• Für jeden als Referenzwert verwendeten Index muss eine alternative Benchmark festgelegt werden, die einzusetzen ist,
   wenn sich ein Referenzwert wesentlich ändert oder nicht mehr bereitgestellt wird
• Für jede Alternative muss eine Begründung formuliert werden, warum der alternative Referenzwert für den notfall-
   mässigen Einsatz anwendbar ist
• Es muss klar festgelegt werden, wer welche Zuständigkeiten im Falle eines Notfalls innehält 
• Die zentrale Koordination sowie die Entscheidungszuständigkeiten werden definiert und kommuniziert.
• Wenn ein Referenzwert als Bezugsgrösse herangezogen wird, muss dieser im Fondsprospekt oder in  vergleichbaren         Verträgen des jeweiligen Investmentfonds klar ersichtlich und eindeutig identifizierbar sein. Prospektanpassungen             müssen bei nächster Gelegenheit oder innerhalb von 12 Monaten durchgeführt werden
 
Im tatsächlichen Notfall muss zunächst sorgfältig sondiert werden, welche Indizes bzw. Referenzwerte tatsächlich betroffen sind und wie fundamental diese Auswirkungen sein können. Folgendes ist zu beachten: Wenn der Notfall-Referenzwert angewendet wird, müsste – gemäss BMV – bereits ein neuer Notfallplan vorliegen.

Konkret: Kritische Benchmarks und ihre Zukunft
Zu den kritischen Benchmarks zählen in erster Linie LIBOR, EURIBOR und EONIA sowie alle weiteren Referenzwerte, deren Bezugsgrundlage entweder

• 500 Mrd. EUR sind oder
• 400 Mrd. EUR sind und kein bzw. wenig Ersatz vorweisen können

Die Euro short-term Rate (ESTR) wird den Euro OverNight Index Average (EONIA) ersetzen. Die ESTR wird bereits seit Oktober 2019 von der EZB bereitgestellt und soll übergangweise parallel zum EONIA eingeführt werden. Die neue short-term Rate soll darüber hinaus mehr Markt-Komponenten als bisher abbilden und daher das Euro-Währungsgebiet möglichst realistisch abbilden. Den Akteuren der Finanzindustrie wird eine schrittweise Anpassung an die ESTR empfohlen, der EONIA wird Anfang 2022 vollständig eingestellt.

Ob nun der LIBOR und der EURIBOR der BMV angepasst oder der EONIA ersetzt wird, die Benchmark-Landschaft in Europa soll in den kommenden Jahren den europäischen Währungsraum realistischer abbilden können. Gleichzeitig soll sichergestellt werden, dass das Risiko einer Benchmark-Manipulation im Europäischen Wirtschaftsraum minimiert wird. Jeder Nutzer einer Benchmark hat – gemäss BMV – robust und schriftlich ausgestaltete Notfallpläne und Handlungs-
strategien zu erstellen.

Die Umsetzung der neuen Verordnung erfordert somit eine intensive und detaillierte Auseinandersetzung der Referenzwert-Nutzer mit den regulatorischen Vorgaben.

Sind Sie und Ihr Index bereits für den "Notfall" gewappnet?


Antonia Pipal
Fund Risk Management & Reporting
LLB Fund Services AG